Wenn Schulnoten die falsche Geschichte erzählen
Was, wenn mit deinem Kind alles in Ordnung ist?
Wenn Menschen an ADHS denken, haben viele sofort ein bestimmtes Bild vor Augen. Ein Kind, das nicht still sitzen kann. Das ständig dazwischenruft. Das den Unterricht sprengt. Das auffällt.
Ich war dieses Kind mit ADHS/Neurodivergenz... aber nicht so.
Ich habe nicht auf Tischen getanzt.
Ich bin nicht durch Klassenräume gerannt.
Ich war oft einfach nur da, war durchschnittlich bis schlecht in der Schule, war sympatisch und habe dazu gehört.
Irgendwo zwischen durchschnittlichen Noten, häufigen Kopfschmerzen, überreizten Ausrastern zuhause, nicht gemachten Hausaufgaben, dem Stempel der Faulheit, ständigem Aufschieben und dem Gefühl, dass alle anderen offenbar verstanden hatten, wie Schule funktioniert.
Nur ich nicht.
Heute weiß ich, dass ADHS viele Gesichter hat.
Damals wusste ich nur, dass ich offenbar alles falsch mache, aber auch unfähig war, etwas daran zu ändern.
Wenn mein Nervensystem überlastet war, fühlte es sich eher an wie ein Tunnel.
Wie ein Rauschen.
Als würde die Welt um mich herum gleichzeitig zu laut und zu weit weg werden.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor Büchern saß und die Wörter einfach verschwammen, weil mein Gehirn irgendwann aufgehört hatte mitzuarbeiten und ich unter Stress überhaupt nicht in der Lage war überhaupt irgendetwas aufzunehmen.
Von außen sah das wahrscheinlich aus wie Desinteresse.
Von innen fühlte es sich an wie feststecken.
Ich saß so häufig und irgendwann durchgehend in einem tiefen Sumpf der Verzweiflung.
Ich habe oft über mich selbst geweint, allein...weil alle sagten, dass ich doch nur lernen müsse und einfach faul bin.
Man liest denselben Absatz fünfmal und kann danach trotzdem nicht sagen, worum es geht, also ist die Feststellung für ein Kind oder einen Jugendlichen: ,,ICH BIN DUMM!''
Die Augen wandern über die Zeilen, aber nichts bleibt hängen.
Die Gedanken springen gleichzeitig in zehn Richtungen und stehen trotzdem irgendwie still.
Das Verrückte daran ist, dass viele Kinder lernen, genau das zu verstecken.
Sie lernen früh, dass auffälliges Verhalten Aufmerksamkeit bekommt.
Unauffälliges Leiden dagegen oft nicht
und während alle glauben, dass mit dem Kind bis auf Faulheit oder mangelnder Intelligenz alles in Ordnung ist, kämpfen sie einen Kampf, den niemand sieht.
Ich begegne solchen Kindern heute regelmäßig.
Manche wirken verträumt.
Manche erschöpft.
Manche ziehen sich zurück.
Manche sind wütend vor lauter Verzweiflung, wie ich es irgendwann war
und alle gemeinsam haben längst beschlossen, dass sie einfach nicht schlau genug sind.
Genau dieser Gedanke macht mich jedes Mal traurig.
Denn kein Kind kommt auf die Welt und denkt von sich aus, dass es dumm ist.
Kinder lernen das.
Sie lernen es durch Vergleiche, durch Missverständnisse und durch Jahre, in denen sie sich mehr anstrengen müssen als andere und trotzdem schlechtere Ergebnisse erzielen.
Irgendwann entsteht daraus eine Geschichte über sich selbst.
Ich bin faul.
Ich bin unorganisiert.
Ich bin nicht gut genug.
Mit jedem Schuljahr wird diese Geschichte ein kleines bisschen fester.
Dabei steckt hinter vielen dieser Kinder etwas völlig anderes.
Neugier, Begabungen, Intelligenz in innovativen Bereichen, Kreativität,
tiefe Gedanken,
besondere Begabungen.
Eine unglaubliche Wahrnehmung für Dinge, die anderen entgehen.
Manchmal fehlt nicht das Potenzial.
Manchmal fehlt nur jemand, der erkennt, was wirklich los ist.
Ich denke oft darüber nach, wie viele Kinder heute noch in Klassenräumen sitzen und genau dieses Gefühl haben.
Nicht laut genug, um aufzufallen.
Nicht erfolgreich genug, um gesehen zu werden.
Irgendwo dazwischen.
Sie machen keine Probleme.
Sie funktionieren irgendwie und genau deshalb schaut oft niemand genauer hin.
Dabei sind es häufig genau diese Kinder, die uns später überraschen.
HALLO...HIER BIN ICH!
Liebe Lehrkräfte von damals...ÜBERRASCHUNG...
Ich, Laura, hatte eine 5 in Mathe und habe genau dort eine meiner Hochbegabungen.
Ja nö, hab ich auch nicht geglaubt! :-D
Weil Menschen sehr viel mehr sind als das, was auf einem Zeugnis steht.
Wenn ich heute Bücher schreibe, Seminare entwickle oder mit Kindern und Jugendlichen arbeite, denke ich manchmal an das Mädchen in mir, das vor einem Schulbuch saß und glaubte, sie sei dumm.
Ich wünschte, jemand hätte ihr damals erklärt, dass ihr Gehirn nicht kaputt ist,
dass sie nicht faul ist,
dass sie nicht dumm ist.
Sondern dass es einfach anders funktioniert...
und ich wünschte jemand hätte ihr erklärt, wie auch sie lernen kann und das ihr Hirn einfach völlig andere Methoden braucht.
Vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Gründe, warum ich heute tue, was ich tue.
Weil ich weiß, wie viel sich verändern kann, wenn ein Kind sich selbst endlich versteht
und manchmal beginnt dieses Verstehen mit einer einzigen Person, die genauer hinschaut.
Wenn du dich jetzt fragst, wie ich überhaupt auf all das gekommen bin, dann lautet die ehrliche Antwort: nicht durch einen geradlinigen Lebenslauf.
Mit Mitte zwanzig hat ein traumatisches Erlebnis mein Leben komplett aus der Bahn geworfen.
Alles, was vorher irgendwie funktioniert hatte, funktionierte plötzlich nicht mehr.
Die Strategien, mit denen ich mich jahrelang durch Schule, Ausbildung und Alltag bewegt hatte, reichten nicht mehr aus.
Zum ersten Mal konnte ich nicht mehr einfach weitermachen.
Rückblickend war irgendwann in den folgenden Jahren genau der Moment da, an dem mein eigentliches Leben begonnen hat obwohl ich so viel verloren hatte, dass ich zwei Jahre lang nicht mehr richtig aufstehen konnte.
Ich erinnere mich noch gut an den Gedanken, der damals immer wieder auftauchte.
Ich war nicht mehr bereit, mich weiterhin für dumm zu halten.
Ich war nicht mehr bereit, mich mit dem Stempel „faul“ abzufinden.
Ich war nicht mehr bereit, mein Leben über die Dinge zu definieren, die angeblich nicht mit mir stimmen.
Also begann ich zu lernen,
weil ich verstehen wollte.
Ich wollte verstehen, warum Menschen fühlen, wie sie fühlen.
Warum mir manche Dinge leicht erscheinen und andere unendlich schwer.
Warum manche Menschen aufblühen und andere trotz großer Begabungen irgendwann aufgeben.
Ich lernte Tage, Nächte und Wochen...Ich erkannte immer intensiver meine Fähigkeit zu maximalem Hyperfokus auf Dinge, die mich interessieren. Ich registrierte, dass ich mir Dinge in Begeisterung ins Gedächtnis einbrennen kann und war bereit meine Prüfungsängste anzugehen...
Aus diesem Wissen heraus entstanden unzählige Fortbildungen, Ausbildungen, Bücher, Gespräche und Erfahrungen.
Ich beschäftigte mich mit Psychologie, positiver Psychologie, Neurobiologie, Traumafolgen, ADHS, Autismus, Angststörungen, Persönlichkeitsentwicklung, Meditation, Yoga, Stressregulation und den faszinierenden Zusammenhängen zwischen Gehirn, Körper und Verhalten.
Ich absolvierte die Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie, wurde Yoga- und Meditationslehrerin und begann immer tiefer in die Frage einzutauchen, wie Menschen eigentlich funktionieren.
Irgendwann wurde mir dabei klar, dass ich mich selbst in vielen der Themen wiederfand, die ich studierte.
Je mehr ich über ADHS, hochfunktionellen Autismus und Neurodivergenz lernte, desto häufiger hatte ich das Gefühl, mein eigenes Leben zu lesen.
Schließlich begab ich mich selbst in die Diagnostik
und plötzlich ergaben viele Dinge Sinn.
Nicht alles wurde einfacher,
aber vieles wurde verständlicher.
Vor allem hörte ich auf, gegen mich selbst zu kämpfen.
Ich begann zu verstehen, dass manche meiner größten Herausforderungen gleichzeitig mit meinen größten Stärken verbunden waren.
Dass mein Gehirn nicht kaputt war.
Dass meine Begeisterungsfähigkeit kein Problem ist.
Dass mein Hyperfokus, meine Kreativität, meine Impulsivität und mein ständiger Wunsch zu lernen zwei Seiten derselben Medaille sind.
Je mehr Verständnis entstand, desto mehr Vertrauen entstand
und je mehr Vertrauen entstand, desto mehr begann ich, mein Leben selbst zu gestalten.
Ich habe von einem Tag auf den anderen aufgehört zu rauchen. Einfach so...
Ich habe Projekte begonnen, ohne genau zu wissen, wohin sie führen würden.
Ich habe Bücher geschrieben, Konzepte entwickelt, Seminare aufgebaut und Entscheidungen getroffen, die auf dem Papier oft wenig logisch wirkten.
Viele Menschen planen erst und handeln dann.
Ich handle oft und verstehe später, warum mein Bauchgefühl längst wusste, wo es hingehen soll.
Früher habe ich geglaubt, das sei eine Schwäche, weil mir jeder erzählte ich sei eine Träumerin, die viel zu impulsiv handelt und es so nichts werden kann.
Heute weiß ich, dass es eine meiner Stärken ist.
Auf diesem Weg hatte ich das große Glück, Menschen zu begegnen, die mich nicht ständig verändern wollten.
Menschen, die mich unterstützt haben, ohne mich in eine Form zu pressen.
Menschen, die verstanden haben, dass Entwicklung nicht bedeutet, jemand anderes zu werden, sondern immer mehr man selbst.
Vielleicht ist das am Ende die wichtigste Erkenntnis aus all den Jahren.
Selbstentwicklung bedeutet nicht, perfekt zu werden.
Sie bedeutet, sich selbst immer besser zu verstehen.
Denn aus Verständnis entsteht Vertrauen
und aus Vertrauen entsteht die Freiheit, den eigenen Weg zu gehen.
Genau das tue ich heute.
Jeden Tag ein kleines Stück weiter.
Und vielleicht hast du dich selbst gerade ein kleines bisschen in diesen Zeilen wiedergefunden.
Vielleicht erinnerst du dich an deine eigene Schulzeit.
An das Gefühl, irgendwie anders zu sein. Mehr zu können, als auf dem Papier sichtbar war oder ständig das Gefühl zu haben, hinter den Erwartungen anderer zurückzubleiben.
Vielleicht denkst du aber auch gerade an dein eigenes Kind.
An die Diskussionen über Hausaufgaben.
An die Tränen vor Klassenarbeiten.
An die Vergesslichkeit, die Unordnung, die Frustration.
An die Momente, in denen du spürst, dass da so viel mehr in diesem jungen Menschen steckt, als Schule, Noten oder Rückmeldungen manchmal erkennen lassen.
Dann möchte ich dir etwas sagen, das ich selbst sehr gerne viel früher gehört hätte.
Es gibt Kinder, die ihre Begabungen schon früh zeigen
und es gibt Kinder, deren Stärken erst sichtbar werden, wenn sie den richtigen Ort, die richtigen Menschen oder die richtige Aufgabe finden.
Manche Kinder blühen in der Schule auf.
Andere blühen erst später auf.
Beides sagt nichts darüber aus, wie ihr Leben einmal aussehen wird.
Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, dann sehe ich kein faules Kind.
Kein Kind, das sein Potenzial verschwendet hat.
Ich sehe ein Kind, das viele Jahre versucht hat, in ein System zu passen, das nicht verstanden hat, wie es lernt
und ich sehe einen Menschen, der irgendwann begonnen hat, sich selbst besser kennenzulernen.
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft dieses Artikels.
Nicht jedes Kind braucht mehr Druck.
Nicht jedes Kind braucht mehr Disziplin.
Nicht jedes Kind braucht noch eine weitere Erklärung dafür, was es alles besser machen müsste.
Manche Kinder brauchen vor allem Menschen, die neugierig genug sind, hinter die Fassade zu schauen.
Menschen, die nicht nur auf die Schwierigkeiten schauen, sondern auf die Möglichkeiten.
Menschen, die erkennen, dass hinter Chaos manchmal Kreativität steckt, hinter Rückzug Sensibilität, hinter Widerstand Überforderung und hinter scheinbarer Unlust oft ein Kind, das längst aufgehört hat, an sich selbst zu glauben.
Wenn du dich selbst oder dein eigenes Kind in diesen Zeilen wiedererkennst, dann schau bitte genauer hin.
Schau nicht auf die Dinge, die gerade nicht funktionieren.
Schau auf die Interessen. Auf die Begeisterung. Auf die kleinen Momente, in denen die Augen leuchten. Auf das, was ganz selbstverständlich gelingt.
Dort verstecken sich häufig die größten Stärken
und manchmal beginnt ein völlig neuer Weg genau in dem Moment, in dem jemand aufhört zu fragen: „Was stimmt mit diesem Kind nicht?“
Und anfängt zu fragen:
„Was steckt eigentlich alles in ihm?“

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Melli (Mittwoch, 10 Juni 2026 01:11)
Danke für diesen wundervollen Artikel. Ich musste gerade so weinen. Ich erkenne mich selbst und auch mein Kind in deinen Worten.