Ich bin eigentlich schon mein ganzes Leben sportlich.
Das klingt erstmal so, als wäre ich eine von diesen Menschen, die morgens voller Energie aus dem Bett springen, sich die Laufschuhe anziehen und voller Vorfreude ihre Runde drehen. Die Wahrheit sieht allerdings etwas anders aus. Ich bewege mich gerne, ich tanze gerne, ich liebe Yoga und ich unterrichte Menschen dabei, wieder mehr in ihren Körper zu kommen. Bewegung war schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Mich allerdings jeden Tag ganz selbstverständlich selbst zum Sport zu motivieren, gehört nicht unbedingt zu meinen größten Talenten.
Wenn ich ganz ehrlich bin, wäre ich ohne meine Kurse wahrscheinlich deutlich öfter auf dem Sofa anzutreffen. Mit etwas Süßem in der Hand, einer gemütlichen Decke und dem festen Vorsatz, morgen wieder anzufangen. Ich bewundere Menschen, die sich jeden Tag aufs Neue für Sport begeistern können. Bei mir funktioniert das anders. Ich gehöre eher zu den Menschen, die Dinge entweder mit voller Leidenschaft machen oder irgendwann komplett aus dem Fokus verlieren.
Das hat mit Sicherheit auch etwas mit meiner Neurodivergenz zu tun. Wenn mich etwas begeistert, dann bin ich mit voller Energie dabei.
Dann wird geplant, organisiert, umgesetzt und durchgezogen.
Sobald mein Fokus allerdings weiterzieht, wird es schwierig.
Routinen entstehen bei mir nicht einfach nebenbei, sondern brauchen Aufmerksamkeit.
Dinge, die gestern noch ganz selbstverständlich zu meinem Alltag gehört haben, können plötzlich in den Hintergrund rücken, obwohl sie mir eigentlich wichtig sind.
Genau deshalb hat mich das überrascht, was in den letzten zwei Monaten entstanden ist.
Vor zwei Monaten haben wir angefangen. Mit viel Gemecker, wenig Motivation und der festen Überzeugung, dass Laufen eigentlich eine ziemlich schlechte Idee ist. Und falls jetzt jemand denkt, dass wir inzwischen alle zu begeisterten Läuferinnen geworden sind, muss ich euch enttäuschen. Der innere Schweinehund ist immer noch jeden Morgen zuverlässig im Dienst. Er findet nach wie vor Gründe, warum heute vielleicht nicht der perfekte Tag zum Laufen ist. Mal ist man müde, mal wäre das Bett die deutlich attraktivere Alternative, mal hat man einfach keine Lust.
Der Unterschied ist nur, dass inzwischen die anderen schon da stehen. Und wenn die anderen schon da stehen, dann geht man halt auch los.
Genau das ist für mich das Besondere an dieser Gruppe geworden.
Was als kleine Idee begonnen hat, hat sich mittlerweile zu etwas entwickelt, das weit über das Laufen hinausgeht. Es werden immer mehr Frauen und jede Einzelne bringt etwas Eigenes mit. Da ist diejenige, die immer motiviert ist und andere mitzieht. Da ist diejenige, die immer fantastisch aussieht und ganz nebenbei dafür sorgt, dass man selbst plötzlich auch Lust bekommt, morgens nicht einfach irgendein altes Shirt aus dem Schrank zu ziehen. Da ist diejenige, die sich mit Selbstfürsorge, Schönheit und Wohlbefinden beschäftigt und dadurch andere inspiriert, wieder mehr auf sich selbst zu achten.
Das Faszinierende daran ist, dass daraus keine Konkurrenz entsteht.
Niemand versucht, besser zu sein als die andere. Niemand versucht, jemanden auszustechen oder sich zu beweisen. Stattdessen passiert etwas viel Schöneres. Wir heben uns gegenseitig hoch. Jede bringt ihre Stärken mit und alle profitieren davon. Man schaut nicht neidisch auf das, was die andere kann, sondern lässt sich inspirieren und nimmt davon etwas für das eigene Leben mit.
Was mich dabei besonders berührt, sind unsere Gespräche. Natürlich wird gelacht und auch gejammert. Wir sprechen über Kinder, Arbeit, Herausforderungen, Träume, Zukunftspläne und alles, was das Leben eben mit sich bringt. Aber es wird nicht gelästert. Es geht nicht darum, andere Menschen kleinzureden oder sich an den Fehlern anderer festzubeißen und ganz ehrlich, genau das ist heute etwas geworden, das ich unglaublich schätze. Über andere zu urteilen, sich aufzuregen oder ständig darüber zu sprechen, was andere vermeintlich falsch machen, ist einfach. Das begegnet einem überall. Viel spannender finde ich die Frage, was passiert, wenn Menschen anfangen, sich gegenseitig wirklich zu sehen, einander etwas zuzutrauen und sich daran zu erinnern, wie viel Potenzial eigentlich in jedem Einzelnen steckt.
Genau das passiert in dieser Gruppe.
Wir erinnern uns gegenseitig daran, dass wir oft viel mehr können, als wir selbst von uns glauben. Dadurch verändert sich mit der Zeit nicht nur die Fitness. Man fühlt sich stärker, wird mutiger und beginnt, sich selbst wieder mehr zu vertrauen. Man traut sich Dinge zu, die man vorher vielleicht immer wieder aufgeschoben hat, achtet besser auf die eigenen Bedürfnisse und merkt, wie gut es tut, sich selbst wieder einen festen Platz im eigenen Leben einzuräumen.
Und ganz nebenbei werden tatsächlich auch die ersten Ergebnisse sichtbar.
Natürlich freuen wir uns darüber, wenn die Kleidung anders sitzt, die Kondition besser wird oder man sich im eigenen Körper wohler fühlt als noch vor ein paar Wochen. Natürlich sprechen wir auch über solche Dinge,
aber darum geht es eigentlich gar nicht.
Es geht nicht um den perfekten Summerbody.
Es geht nicht darum, möglichst dünn zu werden.
Es geht nicht darum, die Schnellste zu sein.
Es geht darum, morgens aufzustehen und etwas für sich selbst zu tun. Es geht darum, dranzubleiben, obwohl der innere Schweinehund immer noch da ist. Es geht darum, Menschen an seiner Seite zu haben, die einen auffangen, motivieren und daran erinnern, warum man überhaupt angefangen hat.
Vor zwei Monaten haben wir angefangen, mit viel Gemecker, wenig Motivation und einer ziemlich großen Portion Skepsis. Heute haben wir das Gemecker immer noch. Aber dazu sind Freundschaften, Motivation, Gemeinschaft, gute Gespräche, gegenseitige Unterstützung und jede Menge schöne Momente gekommen. Und ich glaube, genau das ist der Grund, warum aus einer kleinen Idee inzwischen etwas geworden ist, auf das wir uns alle freuen.
Manchmal braucht es gar keine riesigen Veränderungen. Manchmal braucht es einfach nur Menschen, die morgens schon da stehen und sagen: „Komm, wir gehen los.“
Und genau daraus entsteht manchmal etwas, das viel größer ist als eine Laufgruppe.

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Jenny (Montag, 22 Juni 2026 11:59)
Ich liebs, ihr seid einfach so ehrlich und authentisch. Ich dachte die ganze Zeit du gehst da maximal drin auf.