Leute… habe ich eigentlich schon erwähnt, wie aggressiv mich die Werbung für diese Abnehmspritzen macht?
Als wäre das ein Tic Tac, das man sich eben mal gönnt, statt ein verschreibungspflichtiges Medikament, das in den Hormonhaushalt eingreift.
Egal ob Ozempic, Wegovy, Mounjaro, Saxenda oder inzwischen Anbieter wie Juniper, die den Zugang zu diesen Medikamenten besonders unkompliziert vermarkten, überall begegnet einem die gleiche Botschaft. Die Lösung für ein komplexes Problem soll plötzlich in einer Spritze liegen.
Der Alltag wird einfacher, das Leben leichter, die Kilos verschwinden, endlich wieder glücklich.
Was in der Werbung oft erstaunlich wenig Raum bekommt, ist, dass diese Medikamente Nebenwirkungen haben können, darunter Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung oder Müdigkeit, dass sie ursprünglich für bestimmte medizinische Indikationen entwickelt wurden und dass Forschende weiterhin untersuchen, welche Auswirkungen eine langfristige Anwendung haben kann. Es handelt sich eben nicht um ein Lifestyle-Gadget, sondern um Medikamente mit Wirkung und möglichen Risiken.
Ja, GLP-1-Medikamente können beim Abnehmen helfen. Das zeigen Studien. Gleichzeitig weisen unabhängige Fachleute darauf hin, dass noch mehr langfristige, herstellerunabhängige Daten nötig sind, um Nutzen und Risiken umfassend beurteilen zu können. Genau deshalb irritiert mich diese Leichtigkeit, mit der die Werbung suggeriert, als wäre das alles so unkompliziert wie die Entscheidung zwischen Hafer- oder Kuhmilch.
Was mich aber fast noch mehr beschäftigt als die Medikamente selbst, ist das gesellschaftliche Bild dahinter.
Vor gar nicht so langer Zeit haben wir endlich angefangen, die völlig unrealistischen Schönheitsideale zu hinterfragen. Jahrelang wurde kritisiert, dass extrem dünne Models als Maßstab für Schönheit verkauft wurden, junge Menschen Essstörungen entwickelten, sich ständig verglichen und glaubten, nur mit Größe XS liebenswert zu sein.
Die Modebranche bekam Gegenwind, Magazine retuschierten weniger, Marken zeigten unterschiedliche Körperformen.
Body Positivity war plötzlich überall.
Danach entwickelte sich daraus Body Neutrality, also der Gedanke, dass unser Körper nicht permanent bewertet werden muss, weder positiv noch negativ.
Es ging darum, Gesundheit nicht mehr ausschließlich an einer Zahl auf der Waage festzumachen und Menschen unabhängig von ihrer Konfektionsgröße mit Respekt zu begegnen.
Und jetzt?
Plötzlich scheint sich das Rad wieder rückwärts zu drehen.
Auf einmal tauchen überall wieder Prominente auf, die innerhalb weniger Monate drastisch an Gewicht verloren haben.
Social Media ist voll von Vorher-Nachher-Videos, Kommentaren über die "Ozempic-Figur" und Spekulationen darüber, wer sich welche Spritze geben lässt. Magazine feiern die neue schlanke Silhouette, Influencer teilen Rabattcodes für Programme und Plattformen rund um Gewichtsreduktion.
Das alles passiert in einer Zeit, in der wir gleichzeitig behaupten, jeder Körper sei schön.
Das passt für mich einfach nicht zusammen.
Wir erzählen jungen Menschen, sie sollen sich selbst akzeptieren, ihren Körper lieben und sich nicht ständig vergleichen. Gleichzeitig erleben sie täglich, dass Schlanksein wieder zum Statussymbol wird, nur diesmal nicht durch Hungern, sondern durch Medikamente.
Die Verpackung hat sich geändert, die Botschaft dahinter kaum.
Früher hieß es: "Reiß dich zusammen." Heute heißt es: "Es gibt doch eine Spritze." Der Druck bleibt derselbe.
Noch absurder wird es, wenn die Werbung im Fernsehen Frauen mit Nachdruck suggeriert, unsere Hormone seien schuld daran, dass Abnehmen so schwierig geworden sei.
Plötzlich klingt es wieder fast so, als wäre der menschliche Körper grundsätzlich defekt und müsse medikamentös korrigiert werden.
Natürlich spielen Hormone eine Rolle.
Natürlich gibt es Erkrankungen, bei denen medizinische Unterstützung sinnvoll und notwendig ist. Aber aus biologischen Zusammenhängen eine Marketingstrategie zu machen, die Millionen Menschen das Gefühl vermittelt, sie bräuchten eine Spritze, um einen "normalen" Körper zu bekommen, halte ich für eine gefährliche Entwicklung.
Und dann kommt immer das gleiche Argument: "Aber weniger Gewicht ist doch besser für die Gelenke."
Ja. Weniger Körpergewicht kann die Gelenke entlasten.
Das ist medizinisch nachvollziehbar.
Aber genauso wahr ist, dass regelmäßige Bewegung die Muskulatur stärkt, die Gelenke stabilisiert, das Herz-Kreislauf-System verbessert, die Knochengesundheit unterstützt und die psychische Gesundheit positiv beeinflusst.
Wer sich ausschließlich auf eine Gewichtsabnahme konzentriert, übersieht oft, dass Gesundheit viel mehr bedeutet als eine Zahl auf der Waage.
Ein fitter Körper entsteht nicht dadurch, dass man möglichst wenig wiegt.
Er entsteht durch Bewegung, ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung, Muskelaufbau, Stressmanagement und viele kleine Gewohnheiten, die langfristig wirken.
Mich stört deshalb diese ständige Gleichsetzung von dünn und gesund.
Ein schlanker Mensch ist nicht automatisch gesund.
Ein Mensch mit mehr Körpergewicht ist nicht automatisch krank.
Gesundheit lässt sich nicht an einer Kleidergröße erkennen.
Trotzdem verkauft uns die Werbung genau dieses Bild wieder, nur moderner verpackt, mit medizinischen Begriffen, Influencern und Hochglanzkampagnen.
Ich habe außerdem das Gefühl, dass wir verlernen, Geduld zu haben.
Alles muss sofort funktionieren. Schnell Muskeln. Schnell Geld. Schnell glücklich. Schnell schlank. Die Abnehmspritze passt perfekt in diese Zeit, weil sie das Versprechen verkauft, dass Veränderung möglichst mühelos sein kann.
Doch unser Körper funktioniert nicht wie eine App, bei der man einfach ein Update installiert.
Versteht mich nicht falsch: Wer aufgrund einer Adipositas oder anderer medizinischer Gründe gemeinsam mit seiner Ärztin oder seinem Arzt eine GLP-1-Therapie beginnt, sollte dafür weder verurteilt noch belehrt werden. Diese Medikamente können für viele Menschen eine wichtige Hilfe sein. Meine Kritik richtet sich nicht gegen Patientinnen und Patienten, sondern gegen die Art, wie daraus ein Lifestyle-Produkt gemacht wird, das inzwischen fast so selbstverständlich beworben wird wie Nahrungsergänzungsmittel.
Vielleicht sollten wir uns wieder daran erinnern, worum es eigentlich gehen sollte. Es geht nicht darum, möglichst wenig zu wiegen und auch nicht darum, in eine kleinere Jeans zu passen. Es geht darum, gesund alt zu werden, sich schmerzfrei bewegen zu können, Kraft zu haben, Treppen steigen zu können, mit den Kindern zu spielen, ohne außer Atem zu sein, und sich im eigenen Körper wohlzufühlen, unabhängig davon, ob auf der Waage 60, 80 oder 100 Kilogramm stehen.
Denn wenn wir anfangen, Gesundheit ausschließlich über Schlankheit zu definieren, dann haben wir aus den letzten zwanzig Jahren gesellschaftlicher Diskussion erstaunlich wenig gelernt.

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