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Jugendliche brauchen mehr Vorbilder als Regeln


Wer regelmäßig mit Jugendlichen arbeitet, stellt irgendwann fest, dass Regeln erstaunlich selten der Grund für echte Entwicklung sind.

Natürlich braucht jede Gemeinschaft Regeln. Schulen brauchen sie. Familien brauchen sie. Vereine brauchen sie. Ohne Orientierung entsteht Chaos. Doch wenn man sich ehrlich fragt, welche Menschen uns geprägt haben, welche Begegnungen geblieben sind und welche Erfahrungen unseren Weg beeinflusst haben, dann tauchen selten Regeln in diesen Erinnerungen auf.

 

Die meisten Menschen erinnern sich an Personen.

 

An eine Lehrerin, die etwas erkannt hat, was sonst niemand gesehen hat. An einen Trainer, der Potenzial entdeckt hat, lange bevor es sichtbar wurde. An einen Erwachsenen, der nicht versucht hat, jemanden zu verändern, sondern verstanden hat, wer da eigentlich vor ihm sitzt.

 

Vielleicht ist genau das der Grund, warum manche Lehrkräfte ein Leben lang in Erinnerung bleiben und andere trotz fachlicher Kompetenz kaum Spuren hinterlassen. Bildung ist weit mehr als die Vermittlung von Wissen. Sie ist immer auch Beziehung. Und Beziehungen entstehen nicht durch Vorgaben, sondern durch echte Begegnungen.

In den vergangenen Jahren ist viel über Leistungsdruck, Digitalisierung, soziale Medien und die Herausforderungen junger Menschen gesprochen worden. Vieles davon ist richtig. Gleichzeitig wird oft übersehen, dass Kinder und Jugendliche heute in einer Welt aufwachsen, in der sie täglich mit tausenden Informationen konfrontiert werden, aber immer seltener Menschen begegnen, die ihnen glaubwürdig Orientierung geben können.

 

Dabei suchen junge Menschen ständig Orientierung. Oft verborgen hinter Gleichgültigkeit, Widerstand oder Rückzug.

Jugendliche stellen selten die Frage: „Wer kann mir zeigen, wie Leben funktioniert?“

Sie beobachten einfach. Sie beobachten Eltern, Lehrkräfte, Trainer, Influencer, ältere Jugendliche und Menschen, denen sie vertrauen. Aus diesen Beobachtungen entstehen ihre Vorstellungen von Stärke, Erfolg, Beziehungen und vom Umgang mit Krisen.

 

Vielleicht erklärt das auch, warum Geschichten eine solche Kraft besitzen. Gute Geschichten funktionieren nicht, weil sie Informationen vermitteln. Sie funktionieren, weil sie Entwicklung sichtbar machen. Weil Menschen sich in Figuren wiederfinden. Weil sie erleben, wie jemand scheitert, zweifelt, wächst und seinen Weg findet. Wegen der Personen, die darin vorkommen.

Laura hat schon früh erlebt, wie entscheidend dieser Unterschied sein kann. Ihre Neurodivergenz wurde erst spät erkannt. ADHS, hochfunktionaler Autismus und mehrere Hochbegabungen waren über viele Jahre kein Thema. In der Grundschule funktionierte das noch irgendwie. Spätestens ab der Orientierungsstufe begann jedoch etwas, das viele Lehrkräfte aus ihrem Alltag kennen dürften.

 

Die Leistungen wurden schlechter.

Die Motivation verschwand.

Hausaufgaben wurden aufgeschoben,

Klassenarbeiten meist erst am Abend vorher vorbereitet.

 

Weil der Druck irgendwann so groß wurde, dass nur noch das absolute Minimum möglich war. Sie galt als faul, unkonzentriert und schwierig. Sie machte dicht, schloss sich den vermeintlich Coolen an, begann zu rauchen, eckte regelmäßig an und stand mehr als einmal kurz vor der Nichtversetzung.

Nach außen wirkte vieles wie Desinteresse. Tatsächlich steckte dahinter ein Gehirn, das permanent versuchte, mit einer Umgebung zurechtzukommen, die weder seine Stärken noch seine Herausforderungen verstand.

 

Was fehlte, war nicht Potenzial. Es fehlte Verständnis.

 

Heute wirkt diese Geschichte beinahe widersprüchlich. Aus dem Mädchen, das sich durch die Schuljahre kämpfte und oft das Gefühl hatte, nicht gut genug zu sein, wurde eine Unternehmerin.

Mit einer unfassbaren Disziplin, die ihr keiner zugetraut hat.

 

Sie entwickelt Bildungs- und Präventionskonzepte, schreibt Bücher, begleitet Kinder und Jugendliche, hält Seminare und gestaltet Projekte für Schulen und Bildungseinrichtungen.

 

Der entscheidende Unterschied lag dabei nicht darin, dass plötzlich mehr Druck aufgebaut wurde oder bessere Regeln entstanden.

 

Entscheidend waren Menschen und der daraus entstandene Glaube an sich selbst.

Vorbilder...

Menschen, die Interesse geweckt haben.

Menschen, die Begeisterung ausgelöst haben.

Menschen, die Potenziale gesehen haben, bevor sie sichtbar waren.

Menschen die Potenzial erkannt und Verzweiflung verwandelt haben.

Menschen, die sie die Dinge auf ihre Art haben machen lassen...auch wenn sie sich mal wieder überschlagen hat.

Menschen, die beim aufstehen geholfen haben, ohne ungefragte Ratschläge zu erteilen, zu beurteilen oder zu belehren.

Heute wissen wir aus der Hirnforschung, dass Lernen niemals nur ein kognitiver Vorgang ist.

Aufmerksamkeit entsteht nicht auf Knopfdruck.

Motivation lässt sich nicht verordnen.

Ein Gehirn lernt dann besonders gut, wenn Interesse, emotionale Beteiligung und Sicherheit vorhanden sind.

 

Unter dauerhaftem Stress schaltet das Gehirn in Überlebensstrategien.

Es wird vollständig nach hinten losgehen, wenn ein junger Mensch Angst vor dem lernen und vor Arbeiten entwickelt.

Lernen wird deutlich schwieriger.

Genau deshalb ist die Frage nach Beziehung, Motivation und Vorbildern keine pädagogische Romantik, sondern eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Bildung.

 

Besonders bei neurodivergenten Kindern wird dieser Zusammenhang sichtbar.

Wer Begeisterung weckt, aktiviert Lernprozesse.

Wer Neugier erzeugt, schafft Aufmerksamkeit.

Wer Beziehung ermöglicht, schafft Entwicklung.

Rückblickend erinnert sich Laura deshalb kaum an Arbeitsblätter oder Unterrichtseinheiten.

Sie erinnert sich an Menschen.

An Lehrkräfte, die für ihr Fach gebrannt haben.

An Erwachsene, die Geschichten erzählen konnten.

An Persönlichkeiten, die etwas in ihr ausgelöst haben.

 

 

Vielleicht liegt darin eine wichtige Erkenntnis für die Bildungslandschaft insgesamt. Besonders neurodivergente Kinder abzuholen bedeutet nicht, Sonderlösungen für einige wenige zu schaffen.

Es bedeutet, Bildung so zu gestalten, dass Lernen überhaupt möglich wird.

Wenn ein Kind mit ADHS, Autismus oder besonderen Begabungen aufmerksam bleiben kann, profitieren meist alle anderen Kinder gleich mit.

Gute Bildung entsteht selten durch mehr Druck. Sie entsteht durch mehr Verbindung.

Ähnliche Erfahrungen finden sich auch in anderen Bereichen.

Timm war als Jugendlicher eher zurückhaltend, introvertiert und oft Beobachter statt Mittelpunkt.

Die Kampfkünste wurden nicht deshalb bedeutsam, weil sie spektakulär waren oder weil sie ihm beigebracht haben, sich zu verteidigen.

Entscheidend waren die Menschen, denen er dort begegnete.

Trainer, die Haltung vorlebten.

Menschen, die Respekt nicht eingefordert, sondern ausgestrahlt haben.

Erwachsene, die gezeigt haben, dass Stärke und Bescheidenheit keine Gegensätze sind.

 

Aus einer anfänglichen Begeisterung wurde eine lebenslange Leidenschaft.

Heute spricht er Thailändisch, hat Zeit in Thailand verbracht, dort trainiert und gekämpft und sich intensiv mit den kulturellen Ursprüngen der Kampfkünste auseinandergesetzt.

Wer mit ihm arbeitet, merkt schnell, dass ihn nicht nur der Kampf fasziniert.

Es sind die Menschen, die Entwicklung, die Tradition und die Frage, wie junge Menschen Vertrauen in sich selbst entwickeln können.

Vielleicht sprechen wir deshalb so oft über Motivation und so selten über Vorbilder.

Denn Motivation lässt sich nicht verordnen.

 

Sie entsteht.

Sie entsteht durch Begeisterung.

Durch Verbindung.

Durch Menschen, die etwas vorleben, statt es nur zu erklären.

Wenn wir heute über Bildung sprechen, diskutieren wir häufig über Lehrpläne, Digitalisierung, Fachkräftemangel oder Leistungsstandards.

All diese Themen sind wichtig.

 

Gleichzeitig lohnt sich vielleicht eine andere Frage:

Wie viele Kinder und Jugendliche begegnen im Laufe ihrer Schulzeit Erwachsenen, die wirklich etwas in ihnen sehen und die sie faszinieren?

 

Denn Entwicklung beginnt oft lange bevor sie auf einem Zeugnis sichtbar wird.

Sie beginnt in dem Moment, in dem ein Kind spürt, dass jemand an es glaubt.

Aus echter Überzeugung.

Und vielleicht brauchen Jugendliche heute deshalb nicht noch mehr Regeln.

Sie brauchen Menschen, die zeigen, warum sich Entwicklung überhaupt lohnt.

Dein Team Kobra

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