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Ich war kein Problemkind. Ich war ein überfordertes Kind.


In der Grundschule war ich Einserkandidatin.

 

Ich war motiviert.
Ich war interessiert.
Ich war aufmerksam.

Lehrer mochten mich.

Alles in sicherem Rahmen, neu und spannend, genau das Richtige für Neurodivergenz.

 

Ich habe funktioniert.

 

Dann kam der Schulwechsel.

 

Neue, größere Umgebung.
Neue Klassenkameraden.
Neue Lehrer.
Größere Klassen.
Andere Dynamik, ein Umzug, die Pubertät.

 

Und ich war neurodivergent.
Damals wusste nur niemand, was das bedeutet.


Die Orientierungsstufe

Damals gab es noch die Orientierungsstufe.

Hauptschule, Realschule, Gymnasium, alle(s) erst einmal zusammen.


Unterschiedliche Leistungsniveaus.
Unterschiedliche soziale Hintergründe.
Unterschiedliche Regulation.

 

Und dann ein Raum.
30 Kinder.


Eine Lehrkraft


Ich war am Anfang noch gut.

Ich wollte alles richtig machen.
Ich war vorbereitet.
Ich war motiviert.

 

Doch im Raum war es laut.
Unruhig.
Chaotisch.

Einige Schüler waren echte Härtefälle.

Ich hatte sehr oft Kopfschmerzen.

 

Der Versuch im Spielmannzug des Dorfes einzusteigen scheiterte, es war mir auch hier zu viel und zu laut...

Ich konnte die Querflöte, das Instrument meiner Wahl einfach nicht ertragen...
Heute würde man sagen: hoch belastet, dysreguliert, traumatisiert.

 

Damals sagte man: schwierig.


Lehrkräfte, die den Raum nicht halten konnten

Ich habe noch heute Lehrkräfte im Kopf:

Hochroter Kopf.
Brüllend.
Schlüssel werfend.
Die komplette Klasse zusammenschreiend.


Aus purer Überforderung,

aber als Kind spürst du keinen pädagogischen Hintergrund.
Du spürst nur Stress

und mein Nervensystem hat irgendwann aufgegeben.


Ich war kein schwieriges Kind.

Zu Beginn wurde ich neben die „schwierigen“ Schüler gesetzt.

Weil ich ruhig war.
Weil ich stabil wirkte.
Weil ich „das schon aushalte“.

 

So lange,
bis ich selbst nicht mehr stabil war, nervte, gequasselt habe.

Ich saß hinten.
Ich konnte mich nicht konzentrieren.
Ich habe abgeschaltet.

 

Und irgendwann bekam ich den Stempel.

Unaufmerksam.
Unmotiviert.

Faul.

Dabei war ich überfordert.


Was damals gefehlt hat

Raumhaltung.
Regulationskompetenz.
Nervensystemwissen.

 

Keiner hat uns beigebracht, was passiert, wenn ein Raum oder man selbst dysreguliert ist.
Keiner hat Lehrkräften vermittelt, wie Co-Regulation funktioniert.
Keiner hat erklärt, wie schnell sich Überforderung überträgt.

Und das ist kein persönlicher Vorwurf.

Viele Lehrkräfte, Pädagogen und Therapeuten sind hoch engagiert.
Aber in Ausbildung und Studium werden bestimmte Kompetenzen schlicht nicht ausreichend vermittelt:

  • Stressphysiologie

  • Neurobiologische Grundlagen von Verhalten

  • Co-Regulation in Gruppen

  • Selbstregulation als pädagogische Kernkompetenz

Man lernt Didaktik.
Man lernt Methodik.
Man lernt Inhalte.

 

Aber nicht, wie man einen Raum wirklich hält.


Wenn Erwachsene überfordert sind, werden Kinder auffällig

Das ist der Punkt, über den wir sprechen müssen.

Wenn Erwachsene nicht reguliert sind,
regulieren Kinder mit.

 

Wenn der Raum unsicher ist,
wird das Nervensystem laut.

Und irgendwann wird aus einem ruhigen Kind
ein „Problem“,

weil es keinen Halt findet.

 

Sei es schon zuhause oder erst in der Schule.


Es ist besser geworden.

Heute werden keine Schlüssel mehr geworfen.
Niemand schreit mehr so wie früher,

aber Überforderung gibt es immer noch.

Große Klassen.
Fachkräftemangel.
Emotionale Belastung.

 

Und Kinder mit erhöhtem Regulationsbedarf.


Was ich damals gebraucht hätte

Einen Erwachsenen, der ruhig bleibt.

Einen Raum, der sicher ist und mich akzeptiert.
Ein System, das versteht, wie Stress wirkt.

Vielleicht wäre ich trotzdem durch ein Tal gegangen,

aber ich wäre nicht abgestempelt worden.


Neurodivergenz ist kein Defizit. Es ist ein offenes System.

Als ich später begann zu verstehen, was Neurodivergenz eigentlich bedeutet, wurde mir vieles klar.

Neurodivergente Kinder sind keine „schwierigen“ Kinder.
Sie sind oft offene Systeme.

Sie nehmen mehr wahr.
Sie verarbeiten intensiver.
Sie reagieren schneller.
Sie denken vernetzter.

Das Nervensystem ist sensibler, nicht schwächer.

 

Viele dieser Kinder sind hoch intelligent.
Sie erkennen Zusammenhänge früh.
Sie hinterfragen.
Sie spüren Stimmungen im Raum sofort.

Doch genau diese Offenheit macht sie verletzlich.


Ein offenes System braucht Stabilität

Ein Kind mit einem sensiblen Nervensystem kann in einem sicheren, gut gehaltenen Raum aufblühen.

In einem dysregulierten Raum jedoch passiert etwas anderes:

Es wird überflutet.
Überreizt.
Überfordert.

 

Und wenn dann noch große Klassen, wechselnde Lehrer, Lautstärke, soziale Spannungen dazukommen, gerät das System unter Dauerstress.


Intelligenz schützt nicht vor Überforderung

Es gibt ein gefährliches Missverständnis:

„Das Kind ist doch intelligent. Das schafft das.“

Intelligenz kompensiert lange,

aber sie reguliert nicht.

 

Ein hochbegabtes oder sehr kognitiv starkes Kind kann fachlich mithalten –
und gleichzeitig innerlich komplett überlastet sein.

Und wenn die Regulationskompetenz fehlt – sei es beim Kind oder im Umfeld – bricht das System irgendwann ein und somit auch die Leistung/Funktion.


Und was ist mit Kindern, die mit Neurodivergenz nicht so intelligent sind?

Auch sie leiden.

Vielleicht sogar mehr.

Denn wenn ein Kind zusätzlich kognitiv stärker gefordert ist,
gleichzeitig aber keine ausreichende Regulationsfähigkeit entwickelt hat,
trifft Überforderung auf fehlende Strategien.

Das Nervensystem gerät schneller in Stress.
Frustration steigt.
Verhalten wird auffällig

und wieder entsteht ein Stempel.

Dabei ist es kein Charakterproblem.
Es ist ein Regulationsproblem.


 

 

Neurodivergenz bedeutet oft:

  • erhöhte Sensitivität

  • andere Reizverarbeitung

  • schnellere Überstimulation

  • stärkere emotionale Intensität

  • größere Vulnerabilität bei instabilen Umfeldern

Und gleichzeitig:

  • Kreativität

  • Empathie

  • analytische Tiefe

  • ungewöhnliche Lösungsansätze

  • Innovationskraft

Das Potenzial ist enorm.

 

Aber nur, wenn das Umfeld es tragen kann.


Ein sensibles Nervensystem braucht regulierte Erwachsene

Kinder mit offenen, sensiblen Systemen sind wie Seismographen.

Sie reagieren nicht zuerst auf Regeln.
Sie reagieren auf Nervensysteme.

Wenn Erwachsene stabil sind, entsteht Sicherheit.
Wenn Erwachsene überfordert sind, verstärkt sich die Dysregulation.

Und genau hier entscheidet sich oft der Verlauf.

 

Nicht an der Intelligenz oder am Willen,
sondern an der Regulation im System.


Warum ich das schreibe

Weil ich heute weiß:

Kinder sind nicht das Problem.

Überforderung ist es

und weil ich immer wieder sehe,
wie engagierte Fachkräfte an ihre Grenzen kommen,
aus fehlendem Wissen über Regulation.


Wir brauchen keine härteren Regeln.

Wir brauchen mehr Kompetenz im Umgang mit Stress.

Mehr Verständnis für Neurodivergenz.
Mehr Wissen über Nervensysteme.
Mehr Raumhaltefähigkeit.

Damit aus Einserkindern keine Problemkinder werden.

Damit stille Kinder nicht unsichtbar bleiben

und laute Kinder nicht nur als störend gelten.


Wenn dich dieses Thema berührt,
wenn du im pädagogischen oder therapeutischen Kontext arbeitest
und merkst, wie wichtig Regulation wirklich ist –

 

dann schau dir hier mehr dazu an:

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Kommentare: 1
  • #1

    Tina (Montag, 02 März 2026 12:05)

    Vielen Dank für diesen emotionalen Beitrag. Er berührt mich als Mutter von einem betroffenen Kind stark und danke für deine Ausbildung. Ich hoffe, dass sie viele fähige Lehrkräfte hervorbringt und der Bedarf erkannt wird.